Nein! Umso dramatischer ist, dass beide Begriffe oft gleichbedeutend genutzt werden!
Hartnäckig hält sich sowohl in einschlägiger Literatur als auf Internetseiten zum Thema die Gleichsetzung von Aggression und Gewalt. Hierbei handelt es sich um ein bemerkenswertes Phänomen, denn schon allein durch die Tatsache, dass es diese beiden Begriffe gibt, sollte hervorgehen, dass sie unterschiedliche Bedeutungen haben.
Aggression leitet sich aus dem lateinischen 'aggredere' ab und bedeutet frei übersetzt 'auf etwas/jemanden zugehen'! Dennoch sind zahlreiche, unterschiedlichste Besprechungen des Begriffs zu lesen, die sich alle grosse Mühe geben, Aggression mit Gewalt gleich zu setzen.
Beides sind tatsächlich auch Handlungsbegriffe, beschreiben also ein Verhalten.
Der grosse Unterschied ist aber, dass Aggression eine wichtige Ressource dafür ist, mit unseren Mitmenschen in den Kontakt zu gehen.
Mit Gewaltverhalten entscheidet sich ein Täter, genau das nicht zu tun, sondern den Kontakt abzubrechen.
Während wir mit Hilfe aggressiven Verhaltens zeigen, wie es uns geht oder was wir uns wünschen, teilt ein Täter seinem Opfer mit seinem Gewaltverhalten nichts mit außer: Ich verletzte Deine Grenze auf schwerwiegendste und verletzte Deine körperliche Gesundheit.
Warum viele Fachleute dennoch Aggression und Gewalt gleichsetzen, bleibt zunächst ein Rätsel.
1.
Vielleicht haben Sie folgende Erfahrung in ähnlicher Weise auch schon einmal gemacht! Sie begeben sich in Ihrem Lebensmittelgeschäft Ihrer Wahl, nachdem Sie Ihren Einkaufskorb nach Ihren Wünschen gefüllt haben, an die Kasse!
Während Sie so an der Kasse stehen, wird es in Ihrer Nähe auf einmal unruhig. Sie beobachten eine Mutter mit Ihrem Sohn und erfassen schnell, dass der Junge offensichtlich etwas aus einem Regal - welches fachgerecht genau vor der Kasse aufgestellt ist - genommen hat und hält den Artikel, z.B. ein Überraschungsei, in seinen Händen! Die Mutter ist aber von dem Wunsch Ihres Sohnes gar nicht begeistert, nimmt dem Jungen das Ei aus der Hand und legt es zurück ins Regal!
Der Junge wiederum, gar nicht begeistert vom Tun seiner Mutter, beginnt lautstark seinem Unmut Ausdruck zu verleihen, schreit und wirft sich endlich auf den Boden und strampelt mit den Beinen. Der Junge ist damit aggressiv; d.h. er verleiht seiner Unzufriedenheit Ausdruck!
2.
Sie sitzen an einem gemütlichen Abend mit Ihrem Ehemann oder Ihrer Ehefrau in Ihrem Lieblingslokal. Nachdem Sie vom Kellner die Speisekarte erhalten hatten und bzgl. Ihrer Speisen und Getränke eine Wahl getroffen haben, warten Sie darauf, dass Ihr Essen serviert wird.
An einem Nachbartisch wird es auf einmal lauter und Sie bemerken, wie ein Gast laut auf den Kellner einredet. "Das kann doch nicht sein! Haben Sie die Suppe mal probiert?" Der Kellner antwortet, dass er dies nicht getan habe. Der Gast wird lauter: "Also, die Suppe schmeckt nicht so, wie ich das hier gewohnt bin. Ich möchte, dass Sie mir eine neue Suppe bringen, die schmeckt." Der Kellner reagiert mit den Worten: "Entschuldigung, aber das kann ich mir gar nicht vorstellen; die Suppe ist frisch zubereitet!" "Was wollen Sie mir denn damit sagen, Sie sind ja wohl nicht ganz sauber!" Der Gast steht auf und verlangt: "Ich möchte sofort Ihren Chef sprechen!" Der Chef - durch den lauten Wortwechsel angelockt - beschwichtigt den Gast und versichert eine neue Suppe, die schmecken wird und........im weiteren Verlauf beruhigt sich die Situation.
Ist der Gast hier gewalttätig? Die Antwort muss lauten: Natürlich nicht. Er ist aggressiv und er entscheidet sich leider auch dazu, den Kellner zu beleidigen. Grundsätzlich ist er aber nur aggressiv, wenn er lauter wird und seinem Unmut und seinem Wunsch nach einer neuen Suppe Ausdruck verleiht.
Er ist nicht gewalttätig!
1.
Auf einem Kinderspielplatz spielen mehrere Kinder in der Sandkiste und bauen eine Sandburg. Zwei Jungen sind damit beschäftigt, einen der 2 Türme zu bearbeiten und geraten dabei in einen Streit, wer die blaue Schaufel benutzen darf. Der erste Junge sagt zum zweiten: "Gib mir die Schaufel, ich bin jetzt dran!" Der zweite Junge antwortet: "Nein, das ist meine Schaufel; die bekommst Du nicht!" Der erste Junge ruft nach seiner Mutter und bittet sie um Unterstützung.
Die Mutter sagt zu ihrem Jungen, er möge das bitte alleine klären. Der Junge macht einen deutlich unzufriedenen Eindruck und schreit den 2. Jungen an: "Gib mir jetzt endlich die Schaufel"! Der zweite Junge reagiert nicht und baut weiter an dem Turm. Der erste Junge reißt dem zweiten Jungen die Schaufel aus der Hand mit den Worten: "Das nächste mal, wenn Du mir die Schaufel nicht gibst, kriegst Du eine Ohrfeige!"
Ist der Junge hier gewalttätig?
Eindeutig ja, denn er droht dem Jungen, der seine Schaufel nicht herausgeben wollte, damit, Ihm gegenüber gewalttätig zu werden. Er droht ihm konkret an, ihm eine Ohrfeige zu geben.
Der Junge ist gewalttätig!
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